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Flammrichten im Schiffbau: Verzug an Sektionen richten

Beim Schweißen von Sektionen verziehen sich Bleche und Steifen. Beim Flammrichten wird das Bauteil örtlich so weit erwärmt, dass es sich beim Abkühlen an dieser Stelle verkürzt und in Form zieht. Für Schiffbaustähle nennt die IACS-Empfehlung Rec. 47 Höchsttemperaturen; über allem steht das Regelwerk der Klasse, die das Schiff klassifiziert.

Wie Flammrichten funktioniert

Laut Linde-Praxisblatt „Tipps für Praktiker. Flammrichten.“ wird das Bauteil gezielt örtlich bis in den plastischen Bereich erwärmt. Weil die umgebende kalte Zone die Wärmedehnung behindert, staucht sich der erwärmte Bereich bleibend; beim Abkühlen verkürzt sich das Werkstück dort, und genau diese Verkürzung ist die gewollte Formänderung. Für Stähle nennt das Blatt als Richttemperatur 550 bis 700 °C, erkennbar an der Dunkelrotglut.

Das Ergebnis zeigt sich erst, wenn das Bauteil wieder auf Raumtemperatur abgekühlt ist (Messer Cutting, Katalog Flammrichten). Nachmessen also nach dem Abkühlen, nicht im warmen Zustand.

Welche Seite wird erwärmt?

Erwärmt wird die Stelle, die kürzer werden soll — denn dort zieht sich das Material beim Abkühlen zusammen. Beim Winkelverzug an einer Kehlnaht heißt das nach TWI (Job Knowledge „Distortion — corrective techniques“): entlang der Naht, aber auf der Gegenseite des Gurts, so dass der Gurt wieder plan gezogen wird. Linde nennt dasselbe „Gegenwärmen von Kehlnähten“.

Wärmepunkt, Wärmestrich, Wärmekeil

Wärmepunkt

Für Blechfelder mit Beulen. Den Punkt so klein wie möglich halten und von der Einspannung zur Feldmitte richten (Linde).

Wärmestrich

Gegen Winkelverzug. Der plastische Bereich reicht höchstens ein Drittel in die Blechdicke; eine Punktreihe biegt schwächer als der Strich (Linde).

Wärmekeil

Bei starken Verbiegungen von Profilen. Lang und schmal, gleichmäßig durch die Blechdicke auf Richttemperatur. Linde und Messer erwärmen von der Spitze zur Grundfläche, TWI von der Grundfläche zur Spitze.

Temperaturgrenzen für Schiffbaustähle

Die IACS-Empfehlung Rec. 47 „Shipbuilding and Repair Quality Standard“ (Rev. 10, Corr. 1, 2025) nennt in Teil A, Tabelle 6.5 die höchste Oberflächentemperatur beim Richten mit Wärmestrichen (line heating) für die höherfesten Güten AH32–EH32 und AH36–EH36. Für die normalfesten Güten A bis E nennt die Tabelle keinen Wert. Die Werte stehen dort als „Standard“; einen Grenzbereich nennt die Tabelle nicht.

Konventionell hergestellt AH32–EH32 und AH36–EH36 · TM-Stahl AH36–EH36 mit Ceq > 0,38 %
  • Wasserkühlung direkt nach dem Erwärmen: unter 650 °C
  • Luftkühlung: unter 900 °C
  • Luftkühlung, danach Wasser: unter 900 °C — Wasserkühlung erst unter 500 °C beginnen
TM-Stahl AH32–DH32 und AH36–DH36 mit Ceq ≤ 0,38 %
  • Wasserkühlung direkt nach dem Erwärmen oder Luftkühlung: unter 1000 °C
TM-Stahl EH32 und EH36 mit Ceq ≤ 0,38 %
  • Wasserkühlung direkt nach dem Erwärmen oder Luftkühlung: unter 900 °C

Ceq = C + Mn/6 + (Cr + Mo + V)/5 + (Ni + Cu)/15 in %, Formel nach der Fußnote der Tabelle. Werte außerhalb des Standard-Bereichs können laut Rec. 47 Abschnitt 1.2 nur nach Prüfung durch die Klassifikations­gesellschaft akzeptiert werden. Für nichtrostende Stähle und Sondergüten gilt die Empfehlung nach Abschnitt 1.1 in der Regel nicht.

Der Stahlhersteller Dillinger kommt in seinem Verarbeitungshinweis „Flammrichten“ (06/2025) für thermomechanisch gewalzte Grobbleche zu einem ähnlichen Bild: Wärmebahnen, die nur oberflächennah erwärmen, beeinträchtigen die mechanischen Eigenschaften bis 900 °C nicht. Anders bei Wärmepunkten und Wärmekeilen, die den ganzen Blechquerschnitt erfassen: oberhalb von 700 °C sinkt bei TM-Stählen die Streckgrenze. Wer punktet oder keilt, rechnet deshalb nicht mit dem Wert für den Wärmestrich.

Wie kann man Schweißverzug richten?

TWI unterscheidet mechanisches und thermisches Richten. Mechanisch wird vor allem gepresst; Hämmern kann die Oberfläche beschädigen und verfestigt das Material. Beim Pressen wird bewusst etwas überbogen, damit das Bauteil nach der elastischen Rückfederung in Form steht. Aus der Betriebspraxis, keine Normvorgabe: Mit der Flamme wird vor allem dort gerichtet, wo sich ein Bauteil nicht in eine Presse legen lässt, etwa an Blechfeldern einer Sektion. Woher der Verzug kommt, steht auf der Seite Schweißverzug: Ursachen und Folgen.

Was über die Richtarbeit festgehalten wird

Rec. 47 stellt die Arbeiten im Neubau unter die Regeln der Klassifikationsgesellschaft und die Aufsicht ihres Surveyors (Teil A, 2.1); Fertigungsverfahren, die der Standard nicht abdeckt, sind von der Klasse auf Grundlage einer Verfahrensqualifizierung oder anerkannter nationaler Normen zu genehmigen (Teil A, 1.4). Wie das im Einzelfall aussieht, steht im Regelwerk der jeweiligen Klasse.

Zum Vergleich der Stahlbau: EN 1090-2:2018+A1:2024 verlangt in Abschnitt 6.5.3.1 für Stahlsorten über S355 eine dokumentierte Richtanweisung mit höchster Stahltemperatur und zulässiger Abkühlung, Art der Erwärmung, Verfahren der Temperaturmessung und den Personen, die richten dürfen — qualifiziert über Zug-, Kerbschlag- und Härteprüfungen. Für Werften gilt die Norm nicht unmittelbar, die Gliederung taugt aber als Vorlage.

Betriebspraxis, keine Normvorgabe: Wer die Richtarbeit je Bauteil mit Stahlgüte, Methode, gemessener Höchsttemperatur, Abkühlart, Person und Datum festhält, kann dem Surveyor zeigen, dass innerhalb der Grenzen gerichtet wurde. Vorlage: Arbeitsanweisung Flammrichten.

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